„Du lernst Krankenschwester, aber du hast doch Abi?“, „Wieso studierst du denn nicht Medizin?“. Jedes Mal, wenn ich erzähle, dass ich eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin mache (klassisch: Krankenschwester), begegnen mir genau diese Fragen. Schon bei meinem Einstellungsgespräch entgegnete mir ein Dozent mit der Aussage: „Eigentlich ist dies ja keine Ausbildung für Abiturienten, für gewöhnlich gelten diese in unseren Reihen als überqualifiziert.“ Auf meine Frage, wieso ich zu den „Überqualifizierten“ gehöre, konnte er mir allerdings keine plausible Antwort geben.
Inzwischen vertrete ich den Standpunkt, dass ein durchschnittlich höherer Intelligenzquotient und eine im Voraus stattfindende Sozialkompatibilitätsprüfung dringend von Nöten ist, um einen guten Grundstein für die Pflege zu legen.
Dies nur als Einleitung…
Der ganz alltägliche Wahnsinn
Blockunterrichtzeit heißt ab morgens um 8.00 Uhr auf Durchzug schalten. Montagmorgen, erster Blocktag nach 6 Wochen. 32 Menschen schneien nach und nach in das Klassenzimmer. Es ist voll. Schon früh wird der Raum von einem Misch-Geruch aus Parfum, Deodorant, Schweiß, Wurstbrötchen und Kaffee ausgefüllt. Auf Grund der hervorragenden Isolation des Gebäudes, herrschen schon in den frühen
Morgenstunden tropische Temperaturen. Die Fenster können nicht geöffnet werden, da das Schulgebäude an einer Hauptverkehrsstraße liegt, auf der neben der Rushhour morgens und dem Feierabendverkehr ab 15.00 Uhr, Lieferantenverkehr, Pendlerverkehr, das Chaos der öffentlichen Verkehrsmittel, Baustellen-Umleitungs-Verkehr, Stau und normaler Verkehr herrschen – neben der einhergehenden Lärmbelästigung, würde ich es nicht wagen, meine Hand dafür ins Feuer zu legen, dass wir beim Öffnen der Fenster nicht auch in Sekundenschnelle an einer Kohlenstoffmonoxidvergiftung sterben würden. Der Raum erstrahlt in kahlem Weiß. Die Lautstärke der Gespräche ist ohrenbetäubend: „ Wo wart ihr am Wochenende?“, „Hast du schon den süßen Blonden aus dem neuen Kurs gesehen?“,
„Was hast du für ‘ne Note bekommen?“. Um 20 nach 8 Uhr kommen auch die letzten mit ihrer Standard-Entschuldigung: „Stau in der Stadt“, eingetrudelt. Den Dozenten ist dies hingegen zu den restlichen, pünktlichen Azubis relativ egal, die Phrase „Wenn das noch öfter passiert, dann…“ klingt schon abgedroschen und die Ernsthaftigkeit dahinter ist quasi nicht existent. Klassenbucheinträge? „Ich bitte Sie, Sie sind erwachsen, Sie lernen für sich und nicht für mich!“.
Auf Nachfrage erklärte man uns schon in der ersten Ausbildungswoche, dass man, um staatlich anerkannte Gesundheits- und Krankenpflegerin zu werden, lediglich das Staatsexamen bestehen müsste. Das ist der ganze Zauber? In der Theorie schon.
Wenn man sich im Klassenzimmer umschaut, kann man zwischen 5 Azubi-Typen unterscheiden:
1) Die Gelegenheits-Azubis
Wenn ich mich so umschaue stelle ich mit Schrecken fest, dass circa ¼ aller Anwesenden zu dieser Gruppe zu zählen ist. Sie kommen und gehen wann und wie sie wollen. Um 10 Uhr vorbeischauen und nach 2 Stunden wieder gehen. Mindestens einmal in der Woche haben diese Menschen einen äußerst wichtigen und über Leben und Tod entscheidenden Arzttermin, dessen Ergebnis den Rest der
Woche – und wie mir scheint auch jeden weiteren Tag bis hin zum nächsten Arzttermin – gefeiert werden muss. Arbeitsaufträge, Klausuren, Gruppenarbeiten: Fremdwörter. Ihre Motivation ist monoton fallend. Doch die Klausurnoten sind nicht so schlecht wie zu erwarten wäre, denn auswendig lernen kann im Endeffekt jeder und die „Gelegenheits-Azubis“ haben dafür ja auch genug Zeit.
2) Die Mitläufer
Die Mitläufer-Azubis nehmen das zweite Viertel der Klasse ein. Im Unterricht sind sie unscheinbar. Beim Feiern jedoch sind sie ganz vorne mit dabei. Ihr Wissen hält sich in Grenzen, daraus machen sie allerdings auch keinen Hehl. Warum auch? Den Lehrern sind die Mitglieder dieser Gruppe eher unbekannt, übernommen werden wir eh alle.
3) Die Möchtegern-Schwestern
„So tun als ob“. Frei nach diesem Motto meistern die Möchtegern-Schwestern den schulischen Alltag. Im Einsatz haben sie meistens Probleme. Sie werden überall „unfair“, „nicht angemessen“, ja sogar „schlecht“ behandelt. -Oh nein. Von den Lehrern stets belächelt,
von den Kurskollegen mit Spott und Hohn verachtet. Sie streben in der Theorie nach Anerkennung und versumpfen auf Station: Unbeliebt und unbegabt.
4) Die Stets-bemühten-Azubis
Dieser Typ von Azubis kann einem nur leidtun. Sie streben nach Wissen, sie wollen einen Schluck aus dem Kelch der Elite nehmen, alles was sie erreichen sind die Tropfen, die an genau diesem herunter rinnen. Sie lernen fleißig, doch der erhoffte Erfolg bleibt leider aus. Noch ist jedoch nicht aller Tage Abend. Man hofft auf einen Funken Begabung, der auf diese armen, strebsamen Würmchen herab rieselt.
5) Die Elite
Die Elite besteht zu 99,9 Prozent aus Abiturienten, auch bekannt als „Abischüler“. Typische Phrasen der Entsetzung dieser Azubis sind:“ Puh, das ist ja so klar. Ist das ihr/sein Ernst?“. Wenn die Elite eine Diskussion beginnt, schaltet die ersten 3 Azubi-Typen ab, entweder
das Zuhören ist ihnen zu schwer oder zu lästig. Ihre Mitschüler akzeptieren sie, solange sie sich als eine/r der Ihren tarnen. Unter den Lehrer sind die elitären Azubis beliebt. Strebsam und erfolgreich. An ihnen messen die Dozenten ihren Erfolg. Das Motto der Elite: Gehirn einschalten, dann läuft’s!
Die Schule an sich sieht modern aus. Ein Bürogebäude. Der neue Name steht schon fest: Akademie des Gesundheitswesens – klingt richtig elitär. So muss das sein. Ein einziges Streben nach Elite. Ist das der ganze Sinn, der hinter Qualitätssicherung, Pflegestandards und Supervision steckt?
Die Einrichtung der Schule sieht zusammengeklaut aus. Würde man es nicht besser wissen, so könnte man beim Betreten der
Demonstrationsräume meinen, man befinde sich in einem Museum. Es fehlt nur noch ein Führer, der anfängt über das Alter der einzelnen Raritäten zu sprechen. Wo fließt denn das ganze Geld nur hin? Des Öfteren bekommt man darauf die Antwort: „Sie haben einen hochmodernen Computerraum“. Hochmodern im höchstens im Vergleich mit der IT der DDR. Denn wer hier an effizientes und schnelles Arbeiten denkt, irrt gewaltig. Von den 5 PCs, die vorhanden sind, funktioniert Nr.1 aus Prinzip nicht. An Nr.2 schraubt ein IT-Spezialist den halben Vormittag, um diesen schließlich auch als „Defekt“ zu deklarieren. Dies macht er liebevoll in einer derart hässlichen Schrift, so dass man dies auch als „Denk mit“ interpretieren könnte. Computer Nr.3, 4 und 5 funktionieren. Dies tun sie allerdings nur mit Windows anno 1700 und benötigen so viel Zeit zum Hochfahren, dass man zwischenzeitlich schon zwei „Badische Meilen“ hinter sich br
ingen könnte. So viel zum Thema „Hochmoderner Computerraum“.
Man hat’s eben nicht leicht als Azubi und das wahrscheinlich nicht nur im Krankenhaus. Aber Azubis müssen zusammenhalten: Denn wir lassen uns nicht unterkriegen!
Bis zum nächsten Mal wenn es heißt: „Dozenten und solche die es werden wollen.“


